Historische Romane Rezensionen

Ken Follett: Stonehenge

Inhalt von „Stonehenge“

Ein Mann mit außergewöhnlicher Gabe

In der Hitze des Hochsommers überquert Seft, ein begnadeter Feuersteinhauer, die Große Ebene, um den Ritualen beizuwohnen, die den Beginn des neuen Jahres anzeigen. Beim Markt zur Sommersonnenwende will er einige seiner Steine eintauschen und Neen suchen, das Mädchen, das er liebt. Neens Familie lebt in Wohlstand und bietet Seft in ihrer Gemeinschaft von Hirten Zuflucht vor seinem brutalen Vater und seinen aggressiven Brüdern.

Eine Priesterin, die an das Unmögliche glaubt

Joia, Neens Schwester, ist eine Priesterin mit Vision, eine geborene Anführerin. Schon als Kind sieht sie der Zeremonie zur Sommersonnenwende wie gebannt zu. Sie träumt von einem wundergleichen neuen Monument, errichtet aus den größten Steinen der Welt.

Ein Monument, das eine Zivilisation prägen wird

Joias Vision von einem großen Steinkreis inspiriert Seft und wird zu ihrem gemeinsamen Lebenswerk. Doch als Dürre die Erde plagt, wächst das Misstrauen zwischen Hirten, Ackerbauern und Waldbewohnern – und eine grausame Gewalttat führt zu offenem Krieg …

Meine Meinung

„Stonehenge“ ist eines dieser Bücher, bei denen man mit einer ganz bestimmten Erwartungshaltung startet. Der Titel verspricht ein Monument. Geschichte. Rätsel. Astronomie. Vielleicht sogar ein bisschen archäologisches Staunen. Und ja – das Monument kommt. Aber anders, als ich es mir vorgestellt hatte.

Ken Follett nimmt sich hier eine Zeit vor, über die wir erstaunlich wenig sicher wissen. Keine Chroniken, keine Dialoge aus erster Hand, nur archäologische Spuren und viel Raum für Interpretation. Und diesen Raum füllt er mit einer epischen Geschichte über Macht, Glauben, Neid, Liebe und Stammeskonflikte.

Im Mittelpunkt stehen Seft, der begabte Feuersteinhauer, und Joia, die visionäre Priesterin. Ihre Idee, ein gewaltiges Steinmonument zu errichten, entsteht nicht aus nüchterner Wissenschaft, sondern aus spiritueller Überzeugung, aus Angst vor dem Vergessen, aus dem Wunsch nach Beständigkeit. Das fand ich spannend: Stonehenge als Ausdruck menschlicher Sehnsucht.

Allerdings muss man wissen: Der Bau selbst steht lange nicht im Zentrum. Große Teile des Romans widmen sich dem Zusammenleben verschiedener Gemeinschaften – Hirten, Bauern, Waldbewohner. Es geht um Ressourcen, um Dürre, um Rivalitäten. Um sehr menschliche Abgründe. Wer auf detaillierte archäologische Spekulationen über Ausrichtung, Baupläne und astronomische Präzision hofft, wird eher zurückhaltend bedient.

Stattdessen bekommt man ein Gesellschaftsdrama in vorgeschichtlicher Kulisse. Follett bleibt seinem typischen Muster treu: starke Visionäre, machtgierige Gegenspieler, brutale Konflikte. Das liest sich flüssig, manchmal fast modern im Ton, was die Distanz zur Epoche etwas verkleinert.

Mich hat besonders die Frage beschäftigt: Warum baut eine Gesellschaft so etwas Gigantisches? Historisch betrachtet entstehen Monumente oft in Zeiten von Unsicherheit. Wenn Klimawandel, Ressourcenknappheit oder Machtverschiebungen drohen, reagieren Kulturen mit Symbolen von Ordnung und Kontrolle. Stonehenge als Versuch, dem Chaos einen Rahmen zu geben. Das ist natürlich eine erzählerische Deutung, denn wir wissen es schlicht nicht. Aber als Theorie funktioniert es.

Emotional hat mich das Buch nicht so stark gepackt wie „Die Säulen der Erde“. Die Figuren wirken teilweise archetypischer, weniger vielschichtig. Dennoch hat mich die Vorstellung fasziniert, wie mühsam es gewesen sein muss, diese Steine zu bewegen. Mit reiner Muskelkraft, Organisation und kollektivem Willen.

„Stonehenge“ ist für mich kein Highlight in Folletts Werk, aber auch kein Totalausfall. Es ist weniger Geschichtsstunde und mehr menschliches Drama in prähistorischem Setting. Wer ein packendes Bau-Epos mit detaillierter Technik erwartet, könnte enttäuscht sein. Wer sich auf eine Geschichte über Vision, Macht und den Preis von Fortschritt einlässt, bekommt solide Unterhaltung.

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